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Berlin baut weiter
Die finanziell angeschlagene Hauptstadt Berlin gibt weiterhin überdurchschnittlich viel Geld für Stadtentwicklung
aus. Internationale Investorenauswahl-Verfahren sollen bei der Finanzierung helfen.
Von Karin Krentz, Freie Wirtschaftsjournalistin, Berlin
Berlin hat zwar kein Geld, baut jedoch unverdrossen weiter an seiner städtebaulichen Zukunft oder an dem, was es dafür
hält. Finanzsenator Thilo Sarrazin kritisierte jüngst heftig die bisherige Städtebau- und Wohnungspolitik als die "größte
finanzpolitische Katastrophe" im gesamten Haushalt. Pro Kopf der Einwohner hätten die Ausgaben für Wohnen und
Stadtentwicklung allein im Jahr 2001 mit 460 Euro fünfmal höher als im Bundesdurchschnitt gelegen.
Mietsubventionen streichen
Bereinigt um das finanzielle Desaster Bankgesellschaft und die unterschiedliche Bevölkerungsgröße habe die Stadt 45
Prozent oder 6,5 Milliarden Euro mehr als der Durchschnitt aller Bundesländer ausgegeben. Die Konsequenz für Sarrazin:
Eine Milliarde Euro für Stadtentwicklung und Mietsubventionen sollen im Haushalt 2002/2003 gestrichen werden.
Nun machen die Stadtentwickler aus der Not eine Tugend. Internationales Investorenauswahl-Verfahren heißt das Zauberwort
zum Beispiel für landeseigene Grundstücke in Berlin-Mitte. Gemeinsam mit der Liegenschaftsfonds GmbH und der landeseigenen
Wohnungsbaugesellschaft Mitte WBG will die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zum Beispiel am Spittelmarkt wichtige
Vorhaben ihres "Planwerks Innenstadt" doch noch in die Praxis umsetzen.
Keine mittelalterlichen Gassen mehr
Das Planwerk war einst mit Senatsbaudirektor Hans Stimmann als Leitbild der künftigen Berliner Innenstadt entwickelt
worden. Zwar will Stimmann heute keine der mittelalterlichen Gassen mehr, doch den einstigen Stadtgrundriss will er
"wieder lesbar machen für Leute, die lesen können". Sechs Grundstücke mit insgesamt 115.000 Quadratmeter Fläche sollen
dort verkauft, die Gertraudenbrücke sowie sechs Hochhäuser mit Mischnutzung neu entstehen und durch veränderte Straßenführungen ein Stadtumbau in Gang gebracht werden. Bis Ende Mai können die Angebote abgegeben werden. Die neue Verkehrsinfrastruktur soll aus den Verkaufserlösen der landeseigenen Immobilien finanziert werden.
Berlin muss sparen und trennt sich auch von seiner Landesvertretung, einem noch in der Diepgen-Ära im Jahr 1999 für
6,5 Millionen DM hergerichteten Altbau. Nun werden Mieter gesucht für die Immobilie in bester Lage im Regierungsviertel
an der Ecke Wilhelmstraße/Dorotheenstraße.
Sparen an Prestigeobjekten
Umdenken ebenfalls bei den fünf Stadtentwicklungsgebieten wie den Prestigeobjekten Alter Schlachthof Eldenaer Straße
oder Rummelsburger Bucht. Die Haushaltslage, so Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, lasse eine Weiterführung wie
bisher nicht mehr zu. Ursachen für die Misere liegen zum einen in den falschen Bevölkerungsprognosen Anfang der
neunziger Jahre, die sämtlich von Bevölkerungswachstum ausgingen, und zum anderen in dem abrupten Wegbruch von Tausenden
von Industrie-Arbeitsplätzen in den beiden Stadthälften. Heute stehen in Berlin 140.000 Wohnungen leer, auch daher
müssten die Planungen für 27.000 neue Wohnungen, Dienstleistungen, Handel und Gewerbe auf 1,58 Millionen Quadratmeter
in den Entwicklungsgebieten drastisch zurückgefahren werden.
Die Gebiete belasten bis 2010 den Haushalt mit mehr als einer Milliarde Euro. Gegenüber dem Vorjahr ist hier im Jahr
2001 das Defizit erneut um 86,6 Millionen Euro gestiegen, so Strieder.
Dagegen muss einfach die Verkündung, dass das größte europäische Softwarehaus SAP aus Walldorf bei Heidelberg sich eine
Niederlassung baut beziehungsweise bauen lässt für immerhin 60 Millionen Euro, geradezu Balsam für die Berliner
Politikerseele sein. Mitten im Scheunenviertel am Hackeschen Markt mietet Hauptmieter Hasso Plattner, Vorstandschef von
SAP, 15.000 Quadratmeter. Nach Baufertigstellung Ende 2003 sollen dort 300 Mitarbeiter arbeiten, die SAP aus den
verstreuten Standorten Mitte, Moabit und Reinickendorf zusammenziehen will. In der Hauptstadt-Niederlassung werden das
SAP-Ausbildungszentrum, der Vertrieb und das Entwicklungszentrum ihren Sitz finden, alles mit Blick auf die
EU-Erweiterung Richtung Osteuropa. Die Ansiedlung war bereits vom Vorgänger-Senat vorbereitet worden und ist nun der
erste Erfolg des rot-roten Senats. Fördergelder sollen nicht geflossen sein.
Potsdamer Platz: Privates Immobilienengagement
Auch der Potsdamer Platz profitiert von privatem Immobilienengagement. Dort soll den eleganten Schlussstein das
Beisheim-Center setzen. Metro-Gründer Otto Beisheim kaufte vor zwei Jahren die verbliebenen Grundstücke am
Lenné-Dreieck zwischen Sony Center und Leipziger Platz, um auf 16.600 Quadratmeter sich ein luxuriöses
Stadtquartier bauen zu lassen. Das soll Anfang 2004 fertig gestellt sein. 463 Millionen Euro investiert er
aus seinem Privatvermögen in das Gebäude-Ensemble mit zwei Hotels (Ritz-Carlton und Marriott), zwei Bürohäuser
mit 13.000 Quadratmeter Nutzfläche, 14 Tower-Apartments im Hotel Ritz-Carlton und 36 Parkside Apartments. Das erste
Apartment mit 670 Quadratmeter ist bereits durch Aengevelt Immobilien für rund fünf Millionen Euro verkauft.
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